Wenn Anpassung zur Gewohnheit wird – und der Körper leise verschwindet
Über späte Diagnosen, Masking und den verlorenen Kontakt zum eigenen Körper
Weshalb die Diagnose für Frauen oft spät kommt, ist nicht, weil „nichts da war“, sondern weil sie über Jahre (oft Jahrzehnte) gelernt haben, zu funktionieren: sich anzupassen, zu kompensieren, zu maskieren. In Umgebungen, die sie immer wieder subtil oder offen ausschließen.
Und irgendwann passiert etwas, das viele erst rückblickend verstehen:
Sie sind zwar „gut im Leben“ – aber nicht mehr gut verbunden mit sich selbst.
Neurodiversität zeigt sich bei vielen Frauen oft anders als die klassischen, lange Zeit männlich geprägten Bilder in Diagnostik und Gesellschaft. Statt „auffällig“ zu wirken, entwickeln viele früh Strategien:
Masking/Camouflaging: bewusst oder unbewusst „neurotypisch wirken“ (Mimik, Smalltalk, Blickkontakt, Tonfall, Timing, Interessen anpassen). Die National Autistic Society beschreibt Masking als anstrengende, oft erschöpfende Anpassungsleistung, um Erwartungen zu erfüllen.
People Pleasing / Fawn-Muster: Harmonie sichern, Konflikte vermeiden, Zustimmung „verdienen“.
Überkompensation: übervorbereitet sein, doppelt arbeiten, alles absichern, „bloß keine Fehler“.
Selbstunterdrückung: Bedürfnisse nicht fühlen, nicht äußern, nicht ernst nehmen – weil es „zu viel“, „zu kompliziert“, „zu empfindlich“ wirkt.
Das Problem: Diese Strategien können kurzfristig schützen – langfristig kosten sie enorm viel Energie. Forschung zeigt, dass Camouflaging mit mehr psychischer Belastung zusammenhängt und als Risikofaktor für Erschöpfung/Burnout diskutiert wird.
Der unsichtbare Preis: Der Körper bleibt im Dauer-Alarm
Wenn du ständig scannst, ob du „richtig“ bist – ob du nicht zu direkt, zu sensibel, zu langsam, zu intensiv bist – dann arbeitet dein System wie ein Hochleistungscomputer im Hintergrund.
Das äußert sich oft als:
innere Anspannung (auch ohne „Grund“)
Reizüberflutung und schnelle Erschöpfung
Schlafprobleme
Verdauungsthemen, Muskelspannung, Kiefer/Schultern
emotionale Übersteuerung oder „Abschalten“
das Gefühl, „neben sich“ zu stehen oder nur noch zu funktionieren
Und hier kommt der Kern, den viele spät diagnostizierte Frauen beschreiben:
Je länger ich angepasst habe, desto weniger habe ich gemerkt, was ich eigentlich brauche.
Wenn das Spüren leiser wird
Der Kontakt zum eigenen Körper geht selten plötzlich verloren.
Er verblasst langsam.
Wenn man sich jahrelang an äußeren Rhythmen orientiert, verliert man irgendwann den eigenen.
Wenn man ständig scannt, was von einem erwartet wird, hört man auf, nach innen zu lauschen.
Wenn Anpassung Sicherheit verspricht, wird Selbstübergehen zur Gewohnheit.
Viele neurodiverse Frauen merken erst spät, dass sie ihren Körper eher managen als bewohnen. Dass sie funktionieren, aber nicht wirklich anwesend sind. Dass sie wissen, was „richtig“ ist – aber nicht, was stimmig ist.
Das ist kein persönliches Versagen.
Es ist eine logische Folge eines Lebens in dauernder Anpassung.
Warum „endlich Diagnose“ oft ein Identitäts-Beben auslöst
Eine späte Diagnose bringt für viele Frauen zwei Dinge gleichzeitig:
Erleichterung: „Ich bin nicht falsch. Es gibt eine Erklärung.“
Trauer/ Wut/ Verwirrung: „Wie viele Jahre habe ich mich verbogen?“
Gleichzeitig wirft sie Fragen auf:
Wer wäre ich gewesen, wenn ich früher gewusst hätte, was ich brauche?
Wie viele Entscheidungen habe ich getroffen, um zu passen – nicht um mir zu entsprechen?
Diese Fragen betreffen nicht nur Identität, sondern auch den Körper.
Denn der Körper erinnert sich an all die Jahre des Durchhaltens.
Du musst nicht „mehr leisten“, um wieder mehr zu fühlen. Oft ist das Gegenteil heilsam: weniger Druck, mehr Erlaubnis.
1) Mikro-Check-ins statt großer Body-Scans
Große, lange Körperreisen können überfordern. Probier Mini-Fragen (30 Sekunden):
Was spüre ich an drei Kontaktpunkten (Füße, Sitzknochen, Rücken)?
Auf einer Skala 0–10: Energie gerade?
Brauche ich gerade mehr Weite oder mehr Halt?
2) Bedürfnisse als Daten behandeln (nicht als Drama)
Viele Frauen haben gelernt, Bedürfnisse zu relativieren. Dreh’s um:
Hunger, Pause, Rückzug, Struktur, Stille, Bewegung, Sicherheit
→ sind Informationen, keine Schwäche.
3) „Unmasking“ in Zonen – nicht als Alles-oder-Nichts
Masking ist oft auch Selbstschutz. Es geht nicht darum, nie wieder anzupassen.
Sondern darum, Räume zu schaffen, in denen du weniger musst.
4) People Pleasing entkoppeln: kleine Grenzen, große Wirkung
Starte minimal:
Grenzen sind nicht gegen andere – sie sind für deinen Körper.
5) Nervensystemfreundliche Selbstfürsorge
Nicht „Wellness“, sondern Funktion:
sensorische Entlastung (Noise Cancelling, Licht, Kleidung, Rückzug)
Rhythmus statt starre Routine
Bewegung, die reguliert (Spaziergang, Schaukeln, Dehnen, Druck/Weight)
Essen/Trinken als Stabilisierung (regelmäßig, einfach, verlässlich)
Ein neuer Kompass: Du bist nicht „zu viel“ – du warst zu lange allein damit
Späte Diagnose bedeutet oft: Du hast Jahrzehnte lang versucht, in Systeme zu passen, die nicht für dich gebaut waren. Dass dein Körper irgendwann sagt „Stopp“ oder „Ich fühle nichts mehr“ ist kein Charakterfehler – es ist ein Signal.
Identitäts- und Transformationsbegleitung für neurodiverse Frauen heißt dann:
deine Muster würdigen (sie hatten einen Sinn)
deinen Körper wieder als Verbündeten erleben
deine Identität jenseits von Anpassung entdecken
dein Leben so gestalten, dass du weniger musst und mehr darfst
Versuchst du gerade, dich mit Tipps wieder „zum Funktionieren“ zu bringen?
Und merkst, dass es dich eher weiter antreibt als wirklich entlastet:
Meine Begleitung ist dafür da, dass dein Leben wieder zu dir passt – nicht du zu den Erwartungen.
Das decken wir gemeinsam ab: Energie, Nervensystem-Regulation, innere Überzeugungen/Scham, klare Grenzen und alltagstaugliche Strategien.
Hier geht’s zur Zusammenarbeit: Termin für ein unverbindliches Erstgespräch
Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit dem Wiederfinden deiner eigenen Grenze, deines Tempos uns deiner inneren Stimme.